Ich wurde in einer Marktgemeinde im niederösterreichischen Voralpengebiet geboren und wuchs bei meiner Großmutter auf. Sie hatte in ihrem Leben zehn eigene Kinder, ein Pflegekind und drei Enkel großgezogen. Meine Mutter lebte zwar in unmittelbarer Nähe, arbeitete aber tagsüber bei meiner Großmutter, wo sie für einen Betrieb Andenkenbilder bemalte. Auch mein Onkel, der dort lebte, zeichnete Vorlagen für Tätowierungen.
Kreativität war für mich deshalb von Anfang an etwas Alltägliches. Ich zeichnete auf Zettel, Wände, Möbel und eigentlich auf alles, was mir unterkam – nicht immer zur Freude meiner Umgebung.
Schon in der Volksschule geriet ich mit meiner Zeichenlehrerin aneinander. Sie gab mir schlechte Noten, weil meine Zeichnungen ihrer Meinung nach „zu realistisch“ für mein Alter waren. Davon ließ ich mich nicht abhalten. Noch als Volksschüler verdiente ich mein erstes Geld mit Aktzeichnungen für ältere Schüler.
Mit etwa 13 Jahren begann ich, mit Drogen zu experimentieren, darunter auch LSD. Diese Erfahrungen veränderten meine Wahrnehmung nachhaltig. Gleichzeitig entdeckte ich über die Musik von Arik Brauer die Wiener Schule des Phantastischen Realismus mit Künstlern wie Ernst Fuchs, Rudolf Hausner, Wolfgang Hutter und Anton Lehmden.
Von da an genügte es mir nicht mehr, etwas einfach nur abzubilden. Ein Bild musste für mich etwas erzählen, verbergen, verändern und beim längeren Betrachten immer wieder neue Ebenen freigeben.
Mit 19 besuchte ich die Universität für angewandte Kunst in Wien. Ich blieb allerdings nicht lange. Meine Vorstellung von Kunst kollidierte mit dem, was ich dort teilweise erlebte. Mir widerstrebte eine Haltung, bei der Kunst für mich zu sehr zu Inszenierung, Markt oder Täuschung wurde. Aus Protest zerstörte ich fast alle bis dahin entstandenen Arbeiten, indem ich sie von einer Brücke warf, und erklärte für mich das Kapitel Kunst zunächst für beendet.
Ganz verschwunden ist die Kunst jedoch nie.
Hieronymus Bosch und Salvador Dalí blieben wichtige Bezugspunkte. Besonders die Fähigkeit, in scheinbar gewöhnlichen Formen andere Bilder, Figuren und Bedeutungen zu entdecken, faszinierte mich. Meine früheren LSD-Erfahrungen hatten diese Wahrnehmung zusätzlich verstärkt. Diesen von mir so bezeichneten „LSD-Blick“ habe ich bis heute – nur brauche ich dafür längst kein LSD mehr.
Auch meine Einstellung zum Leben entwickelte sich über die Jahrzehnte weiter. Freiheit war mir schon sehr früh wichtig. Aber Freiheit bedeutet für mich heute nicht, einfach tun zu können, was man möchte. Freiheit ohne Eigenverantwortung ist für mich keine wirkliche Freiheit. Jede Entscheidung hat Folgen – für mich selbst, für andere Menschen, für Tiere und für meine Umwelt. Diese Verantwortung kann ich weder an eine Religion noch an eine Gesellschaft oder irgendeine Autorität abgeben.
Mit 38 Jahren begegnete ich einer jungen Frau, die mein Leben grundlegend veränderte. Sie brachte Stabilität in mein Leben und half mir dabei, Strukturen aufzubauen, die mir zuvor gefehlt hatten. Aus dieser Erfahrung entstand bei mir der Wunsch, selbst etwas zurückzugeben.
Ich wurde Behindertenpädagoge und arbeitete mehr als 25 Jahre mit schwer und mehrfach behinderten Menschen. Diese Arbeit hat meine Sicht auf Menschen wesentlich geprägt. Sie hat mir gezeigt, dass Würde nichts mit Leistungsfähigkeit, gesellschaftlichem Nutzen oder vermeintlicher Normalität zu tun hat.
Achtsamkeit bedeutet für mich deshalb auch nicht bloß Meditation, Ruhe oder Wohlbefinden. Achtsamkeit beginnt dort, wo ich wahrnehme, welche Auswirkungen mein eigenes Verhalten auf andere Lebewesen hat.
Diese Haltung führte mich schließlich auch konsequent zum Veganismus.
Veganismus ist für mich heute wesentlich mehr als eine Ernährungsweise. Er ist eine ethische Grundhaltung. Wenn Leid, Ausbeutung oder Töten vermeidbar sind, sehe ich keinen ausreichenden Grund, sie allein wegen Geschmack, Bequemlichkeit, Gewohnheit oder Tradition fortzusetzen. Ich möchte von anderen nicht verlangen, meine Freiheit zu respektieren, während ich gleichzeitig die elementarsten Interessen anderer Lebewesen ignoriere.
Dabei geht es mir nicht darum, mich selbst als vollkommen darzustellen. Es geht um Konsequenz: Wenn ich etwas als Unrecht erkannt habe und eine Alternative habe, trage ich auch Verantwortung dafür, wie ich danach handle.
Diese Verbindung aus Freiheit, Eigenverantwortung, Achtsamkeit und der Ablehnung vermeidbarer Ausbeutung gehört heute zu meinen wichtigsten Lebensgrundsätzen. Sie beeinflusst nicht nur mein persönliches Leben, sondern zunehmend auch meine Kunst.
Nach einer einvernehmlichen Trennung folgten nur wenige Beziehungen. Eine davon, mit einer Sonderpädagogin, ist mir besonders positiv in Erinnerung geblieben.
Später geriet ich in eine zweijährige toxische Beziehung mit einer narzisstisch geprägten Partnerin. Die Folgen dieser Beziehung haben mich tief getroffen und über Jahre beschäftigt. Gleichzeitig wurde genau diese Erfahrung zum Ausgangspunkt für meine Rückkehr zur Kunst.
Ein entscheidender Moment ereignete sich auf dem Salonschiff Fräulein Florentine. In einer sehr schwierigen Phase meines Lebens hörte ich dort eine junge Frau zur Ukulele singen: Mary Mayrhofer.
Wir kamen ins Gespräch. Sie erzählte offen von ihren eigenen psychischen Krisen und davon, wie sie diese mithilfe ihrer Kunst verarbeitete. Dieses Gespräch veränderte etwas in mir. Zum ersten Mal sah ich die Möglichkeit, Kunst nicht nur als Ausdruck, sondern auch als Werkzeug zur Verarbeitung des Erlebten einzusetzen.
Ich begann wieder zu zeichnen.
Teilweise arbeitete ich bis zu 20 Stunden am Tag und über mehrere Tage hinweg mit kaum Schlaf. Daraus entstand meine erste große Serie, die ich „Traumakunst“ nenne. Etwa 15 Werke beschäftigen sich unmittelbar mit der erlebten Beziehung, Manipulation, psychischer Gewalt, Verletzung und ihren Folgen.
Doch irgendwann erkannte ich, dass auch diese Form der Verarbeitung eine Grenze hatte. Jedes neue Bild führte mich erneut zurück in das Trauma.
Deshalb entstand die nächste Serie: „Die Zeit danach“.
Hier geht es nicht mehr nur darum, was ein Mensch erlebt hat, sondern darum, was danach mit ihm geschieht: Veränderung, Einsamkeit, Erinnerung, Selbstwahrnehmung, Loslassen, Neuorientierung und die Frage, was nach einer tiefgreifenden Erfahrung vom eigenen Ich übrig bleibt.
Inzwischen erweitert sich meine Kunst erneut. Themen wie Tierausbeutung, Veganismus, gesellschaftliche Verantwortung, menschliche Widersprüche und unser Umgang mit anderen Lebewesen werden zunehmend Bestandteil meiner Bildsprache.
Mein künstlerischer Stil basiert weiterhin auf surrealen Illusionen und Metamorphosen. Ein Gegenstand bleibt selten das, was er auf den ersten Blick zu sein scheint. Körper werden zu Landschaften, Gesichter zu Räumen, Strukturen zu Lebewesen und einzelne Formen zu völlig neuen Bildern. Je länger man ein Werk betrachtet, desto mehr soll sich verändern.
Heute arbeite ich vollständig digital. Das Werkzeug hat sich verändert, mein Arbeitsprinzip nicht. Jede Linie meiner Kunst zeichne ich selbst. Meine Werke entstehen ohne generative KI. Ein einzelnes Bild kann mehrere hundert Arbeitsstunden benötigen.
Technik allein macht für mich jedoch noch keine Kunst. Entscheidend ist, warum ein Bild existiert und ob etwas Persönliches darin steckt.
Meine Kunst soll deshalb nicht bloß schön sein. Sie darf irritieren, provozieren und manchmal auch unangenehm sein. Sie soll dazu führen, genauer hinzusehen – auf ein Bild, auf andere Lebewesen und möglicherweise auch auf sich selbst.
Vielleicht verbindet genau das meine Kunst mit meiner heutigen Lebenshaltung:
hinsehen statt verdrängen, hinterfragen statt übernehmen, Verantwortung statt Ausreden – und die Freiheit, sein eigenes Denken und Handeln immer wieder neu zu überprüfen.
Heute weiß ich, dass meine Werke gesehen werden sollen. Nicht weil ich glaube, alle Antworten zu besitzen, sondern weil sie von meinem Leben, meinen Irrtümern, meinen Verletzungen, meinen Erkenntnissen und meiner Art erzählen, diese Welt wahrzunehmen.